Deutscher Germanistenverband
Vereinigung der deutschen Hochschulgermanistinnen und Hochschulgermanisten
 

Mahnmaldebatte: Rat der Fachwissenschaft wird gesucht werden

Hartmut Kugler, Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes, hat in seinen offenen Briefen vom 28.10.1998 und vom 16.1.1999 an Herrn Staatsminister Dr. Naumann zum geplanten Denkmal für die ermordeten Juden in Europa eine „Bibliothek der Erinnerung“ als Ergänzung zum Holocaust-Mahnmal vorgeschlagen (Wortlaut folgt).
In seinem Antwortbrief vom 16.2.1999 schreibt der Beauftragte der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Dr. Boos, daß zwar zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen sei, ob ein rein künstlerischer Entwurf zur Ausführung komme, oder ob es eine Verbindung mit einer Dokumentationsstätte geben werde.
„Aus der Gesamtheit der hier eingegangenen Äußerungen“, so Dr. Boos, „ergibt sich ein differenziertes Bild, das in der weiteren Diskussion von Gewicht sein wird. Sollte ein Entwurf mit Dokumentationsstätte gewählt werden, so kann ich Ihnen versichern, wird der Rat der Fachwissenschaft gesucht werden.“
 
 
 

Wortlaut des Briefes von Hartmut Kugler an Herrn Staatsminister Naumann:
 
Deutscher Germanistenverband
Vereinigung der deutschen Hochschulgermanistinnen und Hochschulgermanisten

Der Vorsitzende
Prof. Dr. Hartmut Kugler
 

Offener Brief an Staatsminister Dr. Michael Naumann
 
 

Erlangen, am 29.10.98

An den
Staatsminister für Kultur
Herrn Dr. Michael Naumann
Bundeskanzleramt
Adenauerallee 141
53113 Bonn
 
 

Holocaust-Mahnmal - Shoah Visual History Foundation - Bibliothek der Erinnerung
 

Sehr geehrter Herr Dr. Naumann,

für Ihr neues Amt wünsche ich Ihnen Kraft und Glück. Meine Freude darüber, dass nun ein "Buchmensch" mit gewichtiger Stimme in die Kulturpolitik des Landes hineinreden kann, möchte ich aber nicht in abstrakte Floskeln kleiden, sondern eine konkrete Anregung dazugeben. Sie soll die Funktion des Glückwunsch-Blumenstrausses haben - aber dann doch auch noch ein bißchen mehr sein.

Ihre Idee, in die Debatte um das Holocaust-Mahnmal die Shoah Visual History Foundation als eine Planungsalternative einzubringen, ist ausgezeichnet. Sie finden damit die Unterstützung aller, die den Aufzeichnungen des gesprochenen und geschriebenen Wortes mehr mahnende und erinnernde Kraft zutrauen als einem Arrangement stummer Steine.

Es versteht sich von selbst, dass es nicht damit getan wäre, eine Kopie von Spielbergs Video-Archiv im Maßstab 1:1 nach Berlin zu verpflanzen. Die Video-Berichte sind zumeist auf Englisch mitgeteilt, sie müßten mit Erklärung oder Übersetzung versehen oder gar synchronisiert werden. Es wäre auch sinnvoll, die Video-Bestände einzubeziehen, die von verschiedenen Institutionen in Europa angelegt worden sind.

Vor allem aber: Als Ergänzung einer Dokumentation der Oral History braucht es unbedingt eine Sammlung der Schriftzeugnisse, braucht es eine "Bibliothek der Erinnerung". Es gibt viele Tausende aufgeschriebene Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden. Neben den prominenten Autoren wie Primo Levi, Elie Wiesel, Jorge Semprun oder Ruth Klüger haben sich Hunderte und Aberhunderte der Verfolgten vor der Entwürdigung, der Vernichtung, dem Vergessen ins Schreiben gerettet. Ihre Erinnerungen sind oft an entlegenen Orten, in Kleinstverlagen, im Selbstverlag publiziert, sind in deutscher, jiddischer, russischer, englischer oder anderer Sprache verfaßt. Viele von ihnen sind im deutschsprachigen Raum bis jetzt nicht bekannt; von den 1947 in einem DP-Lager bei München gedruckten Erinnerungen des lettischen Juden Max Kaufmann: "Churbn Lettland" bis hin zu Jack Ratz: "Endless Miracles", Selbstverlag Brooklyn 1997.
Hinzu tritt die bedrückend große Zahl von Lebenszeugnissen der Menschen, die ermordet worden sind, die aber, solange es ging, aufgeschrieben haben, was mit ihnen geschah, damit es der Nachwelt erhalten bleibe. Man denkt an die Tagebücher des Judenältesten Czerniakow aus dem Warschauer Ghetto, oder an die in Ausschwitz vergrabenen Briefe aus dem Ghetto Lodz, an Katzenelsons "Lied vom letzten Juden", an das Testament des jüdischen Ghetto-Polizisten Calel Perechodnik. "Schraibt, Jidn, un varschraibt", sollen die letzten Worte des Historikers Simon Dubnow gewesen sein, bevor er am 8. Dezember 1941 aus dem Rigaer Ghetto mit den 13000 anderen Opfern zusammen  abtransportiert und im Wald von Rumbula erschossen wurde. "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"; das Motto der Tagebücher Victor Klemperers steht wie ein Programmwort für die Wahrung der Menschenwürde im Angesicht der Barbarei. Dies Programm verdient wiederaufgenommen  und unverlierbar gemacht zu werden. Der rechte Ort dafür wäre eine "Bibliothek der Erinnerung". In ihr könnten sämtliche Schriftzeugnisse des Holocaust, Tagebücher, Memoiren, Briefe gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

"Bücher sind das Gedächtnis der Menschheit". Mit diesem Satz hat vor kurzem Thomas Ganske (Die Woche Nr. 41, 9.10.98) "für eine Bibliothek als lebendiges Denkmal" plädiert. Die Anregung zum Errichten einer "Bibliothek der Erinnerung" knüpft an Ganskes Plädoyer an, freilich mit einer entscheidenden Modifikation. Die Bibliothek sollte nicht den Gesamtbestand aller Bücher zum Thema Judenverfolgung "vom Erlebnisbericht bis zur historischen Bewertung" umfassen, wie Ganske vorschlug, und sie sollte auch keine Forschungsbibliothek sein. Ihr Buchbestand müßte dann uferlos breit werden und ihr Profil unscharf. Besser und passender ist die Beschränkung auf die Selbstzeugnisse der Betroffenen. Die Bibliothek der Erinnerung kann so das genaue und notwendige Komplementär zur Visual History des Video-Archivs bilden. Die Videofilme zeigen die Gesichter und die Gesten der Menschen in sprechender Bewegung, sie dokumentieren die Arbeit des Erinnerns vom Ende her. Sie zeigen Menschen, die inzwischen alt geworden sind und sich das Geschehen aus dem Abstand von mehreren Jahrzehnten vergegenwärtigen. Damit bieten sie die Erinnerung in einer notwendig verkürzten Form, komprimiert auf die wenigen Stunden der Filmaufnahme. Demgegenüber ist der Großteil der Schriftzeugnisse aus der unmittelbaren Erfahrung des Geschehens heraus entstanden, oder wenn es sich um nachträgliche Aufzeichnungen handelt, sind es die Ergebnisse eines langen Nachdenkens, eines längerwährenden Erarbeitens und Überarbeitens.

Die Sammlung von Video-Interviews und Schriftzeugnissen in einer gemeinsamen "Bibliothek der Erinnerung" wäre ein Holocaust-Mahnmal, das dem zentralen Gedanken der jüdischen Literatur-und Geschichtsschreibung: dem am begrifflichen Paradigma der Heiligen Schrift orientierten  "Zeugnis ablegen" gerecht werden könnte wie kaum sonst etwas. Sie wäre ein Mahnmal,  das eine stets lebendige Auseinandersetzung mit dem Geschehenen viel eher provozieren könnte als ein steinernes Monument, das immer die Gefahr in sich birgt, dass sich seine "würdevolle Stille" zu einer Mauer des Schweigens und des Verschweigens verdichtet.
 

 
Mit allen guten Wünschen und freundlichen Grüßen

Hartmut Kugler

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