A) Kongreßankündigung:
10. Weltkongress der Internationalen Vereinigung für
Germanische Sprach- und Literaturwissenschaft
B) Der
Vorstand des Deutschen Germanistenverbandes: Erklärung zum IVG-Kongreß in Wien
C) Brief
des IVG-Präsidiums an die Sektionsleiterinnen und Sektionsleiter und die
Referentinnen und Referenten des 10. Internationalen Germanistenkongresses
sowie die Mitglieder der IVG
D) Erklärung
der IK des Instituts für Germanistik der Universität Wien
E) Germanistik
– eine politische
Wissenschaft? Vorträge und Diskussionen im Jüdischen Museum Wien, 11. September
2000
10.-16. September 2000 an
der Universität Wien
Informationen zum
wissenschaftlichen Programm erteilt das Sekretariat der IVG am Institut für
Germanistik der Universität Wien, Dr. Karl Lueger
Ring 1, A-1010 Wien, Österreich.
Informationen zum Kongreß
sind im Internet abrufbar unter: http://www.univie.ac.at/Germanistik/ivg.
Die österreichische
Hauptstadt ist zur Zeit für wissenschaftliche Kongresse kein normaler
Tagungsort. Der 10. Weltkongress der ‚Internationalen Vereinigung für Germanische Sprach-
und Literaturwissenschaft’ vom 10.-16.
September 2000 findet zu einer Zeit statt, in der erstmals seit dem 2.
Weltkrieg eine rechtspopulistische Partei in einem deutschsprachigen Land an
der Regierung beteiligt ist. Gerade eine Wissenschaft, die die deutsche Sprache
und Literatur zum Gegenstand hat, ist gegenüber rassistischen und
fremdenfeindlichen Verbalattacken, wie sie aus der Haider-Partei belegt sind,
besonders sensibel. Für viele Fachkolleginnen und -kollegen, gerade auch
Mitglieder unseres Verbands, ist ihre Teilnahme am Kongress
zu einem Problem geworden, besonders auch im Blick auf den von den
EU-Regierungen beschlossenen Boykott der jetzigen österreichischen
Regierungskoalition. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass
die Wissenschaft in der jeder politischen Lage und wo auch immer unbeeindruckt
ihrer Arbeit nachgehen kann.
Die Internationale
Vereinigung für Germanische Sprach- und Literaturwissenschaft hat dezidiert
antifaschistische Ursprünge. Sie war wesentlich von Emigranten mitbegründet,
die im Hitlerdeutschland nicht mehr hatten leben und arbeiten können. Erst 40
Jahre nach dem Krieg war die IVG bereit, erstmals in Deutschland zu tagen. Aus
ihrer Gründungsgeschichte und ihrem Selbstverständnis heraus befindet sich die
IVG auf der Seite der österreichischen Wissenschaftler, die sich angesichts der
jetzigen Regierungskoalition „gegen
Diskriminierung auf Grund von Herkunft, Rasse, Hautfarbe, Geschlecht und
Religion“ aussprechen (so z.B. die
Stellungnahme der Medizinischen Fakultät der Universität Wien).
Die alle fünf Jahre
stattfindenden Weltkongresse der IVG waren immer Foren einer weltoffenen,
nichtnationalistischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Das wird auch in Wien
nicht anders sein. Der Kongreß, der bereits vor fünf Jahren in Vancouver
beschlossen wurde, steht naturgemäß in Opposition zu den fremden- und
intellektuellenfeindlichen Verlautbarungen der Haider-Partei. Er bietet die
Gelegenheit, Positionen von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Künstlern,
die von der Haider-Partei angegriffen worden sind, öffentlichkeitswirksam zu
verteidigen.
Dies hat das Präsidium der
IVG mit einem am 9. März allen Mitgliedern und Kongreßbeteiligten zugeschickten
Rundschreiben deutlich gemacht. Das ursprünglich vorgesehene Programm ist an
wichtigen Punkten verändert. Beim Kongreß werden keine Repräsentanten der
österreichischen Regierung auftreten. An herausgehobener Stelle im Programm
wird ein Forum eingerichtet mit dem Thema: „Hat die Germanistik politische Verantwortung zu übernehmen?“
Wir sind der Überzeugung, daß die Frage zu bejahen ist und das Forum
Gelegenheit bietet, gegen Rassismus und Intoleranz offensiv Stellung zu
beziehen.
Für den Vorstand: Hartmut Kugler
Wien, am 9. März 2000
Sehr geehrte Kolleginnen
und Kollegen!
Das Präsidium der IVG und
die an der Organisation des 10. Internationalen Germanistenkongresses in Wien
vom 10.-16. September 2000 beteiligten Wiener Germanisten verfolgen mit großer
Sorge die aktuelle Diskussion um die neue österreichische Bundesregierung und
die hierdurch ausgelösten internationalen Reaktionen.
Der IVG ist solche Sorge
im 50. Jahr ihres Bestehens insofern besonders angelegen, als ihre
Konstituierung auf Anregung jener Fachangehörigen erfolgte, die im Dritten
Reich zur Auswanderung gezwungen waren. Nach Beendigung des Faschismus und des
Zweiten Weltkrieges waren sie es, die den Kontakt mit den Fachangehörigen in
den deutschsprachigen Ländern suchten und gemeinsam mit ihnen die IVG gründeten
als internationale Organisation zur persönlichen Begegnung und
wissenschaftlichen Zusammenarbeit in Internationalität, Offenheit, Freiheit und
Toleranz als Beitrag zum Neuaufbau des Faches und zur Schaffung neuer
kultureller Werte in einer freien demokratischen Gesellschaft. Diese Ziele hat
die IVG auch weiterhin eingehalten. In ihrer freien Internationalität ist sie
auch an keinen Staat und dessen Regierung gebunden und würde gemäß ihren
Grundsätzen auch keinerlei eventuell an sie herangetragene politische
Forderungen akzeptieren.
Trotz und gerade wegen der
in und für Osterreich politisch schwierigen Situation tritt das Präsidium der
IVG für die Fortführung und Förderung weltweiter internationaler
wissenschaftlicher und persönlicher Kontakte und Kooperationen auf ihren
Kongressen ein und ist sich dabei der politischen Verantwortung bewußt. So hat
das Präsidium beschlossen:
1. Der 10. Internationale Germanistenkongreß wird vom 10.- 16.
September 2000 in Wien stattfinden
2. Es wird am Dienstag, dem 12. September 2000 um 10.30 Uhr ein
Diskussionsforum zum Thema „Hat die
Germanistik politische Verantwortung zu übernehmen?“ eingerichtet
3. An der Kongreßeröffnung als Festakt zum 50-jährigen Bestehen
der IVG am Montag, dem 11. September 2000 um 9.00 Uhr im Großen Musikvereinsaal
werden keine österreichischen Regierungsmitglieder beteiligt sein.
So laden wir Sie
nachdrücklich zur Teilnahme am 10. Internationalen Germanistenkongreß in Wien
vom 10-16. September 2000 ein und hoffen, Sie in Wien begrüßen zu können.
Peter Wiesinger. e. h.
(Präsident, Wien), Eda Sagarra.
e. h. (Vizepräsidentin, Dublin), Bengt Algot Sørensen.
e. h. (Vizepräsident, Odense)
Wir sehen uns zu dieser
Erklärung veranlasst als Universitätsangehörige, die
von der aktuellen politischen Lage unseres Landes, von der zu befürchtenden
steigenden Intoleranz und Provinzialisierung der österreichischen
Öffentlichkeit und von der selbstverschuldeten außenpolitischen Isolation
unseres Landes massiv betroffen sind.
Mit einer hohen Zahl von
Bürgerinnen und Bürgern in Österreich und in befreundeten Staaten teilen wir
die Besorgnis aufgrund der Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen Partei
Österreichs. Mit tiefer Abneigung haben wir die fremdenfeindlichen Tendenzen im
Wahlkampf der Freiheitlichen und die problematischen Äußerungen führender
Parteifunktionäre zur österreichischen Geschichte, namentlich zum
Nationalsozialismus, wahrgenommen.
Wir stehen dieser
Regierung außerdem kritisch gegenüber, weil sie weder in der Lage scheint,
Österreich außenpolitisch adäquat zu vertreten, noch ein gedeihliches
innenpolitisches Klima schaffen kann, in dem die österreichische Gesellschaft
toleranter und weltoffener wird, sich gegen Antisemitismus, Nazismus, Xenophobie und Rassismus immunisiert und so das Bewusstsein ihrer Verantwortlichkeit gegenüber den
historischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts schärft.
In unserer Eigenschaft als
Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler beobachten wir mit
Besorgnis den zunehmenden Verlust einer verantwortungsvollen politischen Sprachkultur.Politischer Diskurs und politische Handlung sind nicht voneinander zu trennen. Der politische
Diskurs der FPÖ arbeitet mit Strategien, die sich auf die Sprache des
Nationalsozialismus beziehen und frauen-, minderheitenfeindliche und
rassistische Ressentiments bedienen.
Als
Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler sehen wir mit
Bestürzung, dass mit der FPÖ eine Partei
Regierungsverantwortung trägt, die für hetzerische Kampagnen gegen
herausragende österreichische Künstlerinnen und Künstler, insbesondere gegen
Autorinnen und Autoren verantwortlich ist. Bis jetzt hat es keinerlei
Distanzierung der FPÖ davon gegeben.
Die Universität hat eine
sensible gesellschaftspolitische Aufgabe. Sie trägt insbesondere die
Verantwortung, politische Entwicklungen kritisch zu diskutieren und zu
analysieren sowie im Sinne demokratischer und gesellschaftspolitischer
Grundwerte wie Offenheit, Toleranz und Internationalität klare Position zu
beziehen. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf die Erklärungen der
österreichischen Rektorenkonferenz und der Akademischen Senate der
Universitäten Graz und Wien.
Die Institutskonferenz
des Instituts für Germanistik der Universität Wien am 24. 3. 2000 auf einstimmigen
Beschluss
Vom 10. bis 16. September
2000 tagt die "Internationale Vereinigung für Germanische Sprach- und
Literaturwissenschaft (IVG)" in Wien. Der Kongreß findet sich nach den
Wahlen in Österreich in einer politischen Lage, die niemand erwartet hat.
Seither stellt sich für jeden einzelnen Teilnehmer die Frage, wie er sich
verhalten soll. Viele bleiben fern oder melden sich erst gar nicht an. Die
Jiddistik-Sektion etwa wurde zur Gänze abgesagt.
Gerade die
wissenschaftshistorische Sektion fühlt sich dazu aufgerufen, aktiv auf die
Krise in Österreich zu reagieren – und
zwar aus dem Fach, aus der Germanistik heraus. Wir wollen wissen, wie
die politische Verantwortung wahrgenommen werden kann, die die Germanistik hat,
und ob sie dafür gewappnet und legitimiert sei. Die Situation, die in Wien
entsteht, weil die Germanisten in ein aktuelles politisches Klima treten, soll
als allgemeiner Kasus analysiert werden, um so wissenschaftliche Arbeit und
Politik intellektuell verbinden zu können. Welche Germanistik, wäre die Frage,
will man verteidigen? So kann und muß man innerhalb dessen, was man beherrscht,
Stellung nehmen und innerhalb des eigenen Metiers die Politik analysieren und
kritisieren. Dafür benötigt man Zeit, die das Programm des IVG-Kongresses nicht
gibt.
Daher planen Klaus-Michael
Bogdal, Christoph König, Hans-Harald Müller und etliche andere Teilnehmer des
IVG-Kongresses für den 11. September 2000 einen Tag mit Analysen und Debatten
zur Frage "Germanistik - eine politische Wissenschaft?". Das Jüdische
Museum Wien ist Gastgeber. Die Referenten und Diskutanten kommen aus allen
Sektionen, und vorzügliche Vertreter des Fachs haben ihre Mitwirkung unter
diesen Bedingungen zugesagt. Einen ersten Programmentwurf geben wir nun
bekannt.
Wir verstehen diesen Tag
in mehr als einem Sinn als Ergänzung der IVG-Tagung.
Die Analyse eines wichtigen Konstituens unseres
Faches richtet sich an alle, ja kann die Podiumsdiskussion, die für Dienstag
vormittag vorgesehen ist, vorbereiten helfen.
Die Provokation, die in
der räumlichen Distanz wie auch in der zeitlichen Konkurrenz zur Tagung liegt,
ist bewusst auf einen Tag eingegrenzt. Der Kongress kann sie –
der Politik und sich selbst gegenüber –
als Zeichen dafür ausgeben, dass business
as usual momentan nicht möglich sei.
Japan, USA, Frankreich,
Österreich, Polen, Deutschland
Nationalphilologie: in
Deutschland und anderswo, Jüdische Intellektuelle bis 1933/1938, Josef Nadler/Heinz Kindermann/Otto Höfler,
Apolitische japanische Geistesgeschichte, Kontinuität nach der NS-Zeit, „Politisierungen“: 1933-1968-2000
Interpretation,
Kanonbildung, Sprachanalyse, Literaturgeschichtsschreibung, Theoriebildung
Anschließend: „Nachdenken über die Normalität“ (allgemeine Debatte)
Klaus-Michael Bogdal -
Christoph König - Hans-Harald Müller