Hartmut Kugler, Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes, hat
sich mit seinen offenen Briefen an die Außenminister Klaus Kinkel
und Joseph Fischer mit der Bitte gewandt, weitere Kürzungen im Kulturbereich
zu verhindern (Wortlaut folgt).
Die in den Jahren 1993-1998 erfolgten Kürzungen hatten u.a. zur
Stellenkürzungen bei den Goethe-Instituten geführt, einige Goethe-Institute
mußten geschlossen werden. Das habe, so Hartmut Kugler, die sprachkulturelle
Arbeit in einer heiklen Situation getroffen, die gerade im Ausland laufend
an Boden verloren habe. Dieser Trend sei bedenklich, zumal die Nachfrage
nach dem Erwerb von Deutschkenntnissen in letzter Zeit zum Teil dramatisch
zurückgegangen sei, und zwar auch in unseren europäischen Nachbarländern.
Das Interesse an deutscher Literatur und Sprache werde vielfach über
die Angebote der Goethe-Institute geweckt und führe dann Interessenten
zu dem Entschluß, Deutsch zu lernen.
In seinem Antwortbrief vom 28.1.1999 betont Herr Minister Fischer,
daß die Förderung der deutschen Sprache eine zentrale Aufgabe
der Auswärtigen Kulturpolitik bleibe, und daß der Spracharbeit
auch innerhalb der Tätigkeit des Goethe-Instituts hohe Bedeutung zukomme.
„Erstmals seit 1993“, so Fischer, „wird in dem soeben von der Bundesregierung
beschlossenen Haushalt für 1999 wieder eine Steigerung der Ansätze
für den Kulturhaushalt des Auswärtigen Amtes vorgesehen.
Davon profitiert auch die Sprachförderung. Bei den Beratungen über
weitere Haushalte werde ich mich auch in Zukunft für mehr operative
Mittel für die Auswärtige Kulturpolitik einsetzen.
Wir haben nicht den Ehrgeiz, mit Englisch konkurrieren zu wollen, es
ist aber wichtig, daß wir in Europa ein Konzept der Dreisprachigkeit
mit zwei Fremdsprachen neben der Muttersprache verwirklichen.
Den Germanisten kommt dabei die bedeutende Rolle zu, in der breiten
Öffentlichkeit für Deutschförderung unter diesem Aspekt
zu werben. Ich freue mich über Ihre Unterstützung.“
Der Vorsitzende
Prof. Dr. Hartmut Kugler
Offener Brief an Herrn Minister Joseph Fischer zur Förderung
der deutschen Sprachkultur
Erlangen, am 30.10.1998
An den
Bundesminister des Auswärtigen
Herrn Joseph Fischer
Postfach 1146
53001 Bonn
Betreff: Förderung der deutschen Sprachkultur im Etat des Auswärtigen
Amtes
Bezug: Mein Schreiben vom 31.7.1998 an Herrn Minister Kinkel, Das Antwortschreiben
von Herrn Kinkel vom 26.8.1998
Sehr geehrter Herr Minister Fischer,
wie Ihnen bekannt ist, sind in den letzten vier Jahren weltweit 15 Goethe-Institute geschlossen worden. Wir haben uns mit unseren Schreiben vom 17.1.1998 und vom 31.7.1998 an Herrn Minister Kinkel mit der Bitte gewandt, weitere Kürzungen im Kulturbereich zu verhindern. Herr Kinkel hat in seinem verständnisvollen Antwortbriefen vom 27.1.1998 und vom 26.8.1998 den hohen Stellenwert betont, den er der auswärtigen Verbreitung der deutschen Sprache und Literatur beimißt. Praktische Konsequenzen sind leider bislang weitgehend ausgeblieben: Die dem Kulturbereich verordneten Haushaltskürzungen haben Bestand und sind – mit wenigen Ausnahmen – auch im Haushalt 1999 fortgeschrieben worden. Das trifft die sprachkulturelle Arbeit in einer heiklen Situation, denn sie verliert gerade im Ausland laufend an Boden.
Damit die Förderung der Sprachkultur in den nächsten Haushaltsberatungen die ihr zustehende Beachtung findet, erlaube ich mir, hier nocheinmal einige Gravamina festhalten.
1. Für Angehörige der Sprachberufe, die sich über die nationalen Grenzen hinaus orientieren, sind die Goethe-Institute erstrangige Instanzen, und zwar gerade auch dann, wenn sie selbst am Institut gar nicht fest beschäftigt sind, sondern nur punktuelle Verbindung haben. Die Institute haben eine überragende Rolle als Kontaktstellen, als Anreger, als Vermittler, als Multiplikatoren. Über sie ist eine unabsehbare Zahl von Initiativen im Kulturtransfer, von kurz-, mittel- und langfristigen Projekten zustande gekommen - kulturfördernde und arbeitsplatzschaffende Maßnahmen, die in der Leistungsbilanz der Goethe-Institute selbst nicht zu Buche schlagen.
2. Denselben multiplikatorischen Effekt beobachten auch die Germanistenverbände unserer Nachbarländer wie auch anderer europäischer und außereuropäischer Regionen. Das Interesse an deutscher Literatur und Sprache wird vielfach über die Angebote der Goethe-Institute geweckt und führt dann Interessenten zu dem Entschluß, Deutsch zu lernen.
3. Im Ausland ist aber die Nachfrage nach dem Erwerb von Deutschkenntnissen in letzer Zeit zum Teil dramatisch zurückgegangen, und zwar auch in unseren europäischen Nachbarländern. Das ist allenthalben zugunsten der gewünschten oder verordneten Durchsetzung von Englischunterricht geschehen: Englisch gilt mit einigem Recht als Lingua franca und sollte in der Tat überall präsent sein. Doch ist es fatal, wie die Lingua franca mit Erwartungen überfrachtet wird. Wie im Ausland konzentrieren sich auch in Deutschland die kulturpolitischen Bemühungen um internationale Standards zu einseitig auf die Förderung von Englischkenntnissen. Uns Germanisten wird im Ausland oft entgegengehalten, die Deutschen erweckten den Eindruck, daß sie alles, was sie zu sagen hätten, auf Englisch mitteilen könnten. Das stimmt aber nicht und kann nicht stimmen. Nur eine verschwindend kleine Zahl von Global Players kann sich perfekt im Englischen wie im Deutschen bewegen. Die meisten kämpfen sich durch und beschränken das, was sie sagen wollen, auf das, was sie sagen können.
4. Es ist eine Frage der Ehrlichkeit und gehört zur Strategie der Höflichkeit, den fremden Gesprächspartnern klarzumachen, man sei nicht perfekt in der fremden Sprachkultur. Es gehört zur Strategie des Interesseweckens und Neugierigmachens, anzuzeigen, daß es im eigenen, deutschen Sprachvermögen viele Nuancen und Facetten gäbe, die nicht so ohne weiteres 'herüberbringen' seien. Was für einzelne Gesprächspartner gilt, gilt auch für die Kommunikation zwischen verschiedensprachigen Ländern. Die Goethe-Institute verbessern, indem sie das Bewußtsein für die Besonderheit einer einzelnen Sprachkultur wachhalten, die Atmosphäre internationaler Kommunikation. Nur wo in den anderen Ländern das Bewußtsein für die kulturelle Differenz der verschiedenen Sprachräume wach bleibt, werden Menschen bereit sein, sich auch auf die deutsche Sprache und Literatur näher einzulassen.
5. Die Wachstumsbranchen des künftigen Arbeitsmarkts liegen, so
heißt es, vor allem im Bereich der gehobenen Dienstleistungen. Es
ist der Bereich, der Sprachkompetenz zu einem dominierenden Faktor werden
läßt: in der Kommunikationstechnik, der Unterhaltungsindustrie,
der Kulturtouristik u.a.m. Die deutsche Literatur und Sprache ist da, in
ökonomischen Kategorien betrachtet, ein wichtiges Exportgut, dessen
Absatzchancen optimiert werden sollten. Die Voraussetzungen müssen
dasein dafür, daß Menschen in anderen Ländern neugierig
auf Deutsch werden, Anlässe und Anstöße finden, sich mit
deutschen Büchern, Filmen, Wissenschaftspublikationen zu beschäftigen,
sich die deutsche Sprache anzueignen, sie als Schulfach und Tätigkeitsfeld
zu wählen. Das Goethe-Institut hat in dem großen und wachsenden
Aufgabenfeld eine Schlüsselposition.
Ich bitte Sie, alles in Ihrer Macht stehende zu tun, damit die in den letzten Jahren erfolgten Haushaltskürzungen aufgehoben werden und die auswärtige Sprach- und Kulturarbeit ungeschmälert fortgeführt und wieder ausgebaut werden kann.
Erfreulicherweise hat gerade Ihre Partei den Stellenwert der auswärtigen
Kulturpolitik hoch eingeschätzt und uns bei unserer bisherigen Öffentlichkeitsarbeit
unterstützt. Eine Kopie des Schreibens von Elisabeth Altmann vom 2.2.1998
und einen Auszug aus dem Antrag von Elisabeth Altmann, Dr. Uschi Eid, Dr.
Angelika Köster-Loßack, Albert Schmidt, Wolfgang Schmitt, Joseph
Fischer, Kerstin Müller und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
(BT-Drs. 13/8679) lege ich bei. Ich hoffe, daß es Ihnen nun möglich
ist, die hier formulierten Ziele umzusetzen.
Mit freundlichen Grüßen
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