RESOLUTION: Germanistik und deutsche Sprache in Europa

Deutscher Germanistenverband - Gesellschaft für Hochschulgermanistik - Der Vorstand

Die föderal strukturierte Kultur- und Sprachenpolitik der Bundesrepublik Deutschland ist aufgrund ihrer chronischen Unterfinanzierung und der unkoordinierten Diversität ihrer Programme gegenwärtig kaum in der Lage, jenen Anforderungen gerecht zu werden, die sich für sie im europäischen Integrationsprozeß ergeben.

Mit großer Sorge konstatiert der Deutsche Germanistenverband:


In dieser sich seit Jahren verschärfenden Situation bekräftigt der Deutsche Germanistenverband jene Forderungen, die er in den Tutzinger „Thesen zur Sprachpolitik in Europa“  formulierte. Insbesondere fordert er erneut:

Wir appellieren an die politischen, insbesondere die geldgebenden Instanzen: Sichern Sie die Fortentwicklung der deutschen Sprache als Kultur- und Wissenschaftssprache im Inland wie im Ausland.


Die innovative Fortentwicklung der Geistes- und Sozialwissenschaften, also auch der Germanistik, wird durch jüngste rechtliche Vorgaben (5. HRGÄndG) sowie durch verschleppte bildungsökonomische Probleme ernsthaft gefährdet. Die unter dem Stichwort „europäische Vereinheitlichung“ erfolgende Anpassung an ein anderes, nämlich das angelsächsische, System des Studiums droht, zentrale Errungenschaften deutschsprachiger Studienkonzeptionen zu beseitigen. Hierzu gehören:

Geraten diese Errungenschaften in Gefahr, so kann dies leicht in eine praktische Bedrohung der grundgesetzlich geschützten Freiheit von Forschung und Lehre umschlagen.

Wir fordern daher die Bildungspolitik in den Ländern und im Bund dazu auf, ihre Verantwortung für das gesellschaftliche Wissen, für seine Weitergabe und seine Weiterentwicklung verstärkt wahrzunehmen und den genannten Gefährdungen entgegenzutreten. Eine Formalisierung und Bürokratisierung, zumal unter ökonomischen Zwängen und ideologischen Vorgaben, dient der freien Entfaltung der Wissenschaft an den Universitäten nicht, sondern droht sie zu ersticken. Freiheit des Denkens benötigt Freiheit des Handelns. Für die Geistes- und Sozialwissenschaften, also auch die Germanistik, ist eine verläßliche und solide Finanzierung der grundständigen Forschung unabdingbar.

Die Germanistik selbst nimmt die Herausforderung der europäischen Einigung an. Sie arbeitet daran, ihre nationalen Begrenzungen zu überwinden und in enger Kooperation mit der Auslandsgermanistik einerseits, den anderen philologischen und kulturwissenschaftlichen Disziplinen andererseits zu neuen, transnationalen Konzepten zu kommen und so verstärkt Beiträge zu einer vielsprachigen und kulturell vielfältigen europäischen Praxis zu leisten.

April 2002

Prof. Dr. Dr.h.c. Konrad Ehlich

1.Vorsitzender des DGV