Plädoyer für die Habilitierten
In der Germanistik häufen sich die stellensuchenden Privatdozenten
von Hartmut Kugler
I.
Die Habilitation ist ins Gerede gekommen. Im Wissenschaftsrat werden Überlegungen darüber angestellt, ob auf sie nicht verzichtet werden könne. Das Durchschnittsalter der Frischhabilitierten sei mit ca. 40 Jahren zu hoch. Allzu lange in der Abhängigkeit und Unmündigkeit nachgeordneter Beschäftigungsverhältnisse belassen, seien sie, kaum ausgereift, schon eingetrocknet. Gegenmodelle sind gefragt. Man sucht und findet sie, wie stets, in den USA: Weichenstellung gleich nach der Promotion. Frühentschlossene Spitzenförderung der Spitzenbegabten. Jungdynamische Kräfte in die selbstbestimmte Forschung entlassen und auf verantwortliche Positionen gesetzt. Was ein Genie ist, zeigt sich früh. Oder erst in 100 Jahren. Die Rufe nach einer Verjüngung der Forschungslandschaft bilden die Oberstimme zum Klaglied vom überalterten Lehrkörper der Universitäten. Wer hätte es nicht lieber mit jungen Himmelsstürmern zu tun als mit alten Langweilern. Obwohl es gelegentlich auch alte Himmelsstürmer und und junge Langweiler gibt.
II.
Die Habilitation ist in Deutschland der Befähigungsnachweis für künftige Hochschullehrer. Erworben wird sie zumeist in zeitbefristeten Hochschulassistenturen, die neben der Forschung auch die nötige Lehrerfahrung beibringen. In anderen Ländern kennt man die Habilitation nicht, es gibt dort andere Qualifikations- und Auswahlverfahren. Wenn die sich als besser erweisen, soll man sie anwenden. Der Rahmen der Europäischen Union zwingt in Zukunft ohnehin zum permanenten Systemvergleich. Die Fairneß gebietet aber, daß sorgfältig geklärt wird, wodurch die Argumente, die bisher den wissenschaftlichen Nachwuchs zum Habilitieren bewogen haben, obsolet geworden sind. Diese Klärung kann nicht pauschal, sie muß fächerspezifisch geschehen. Und sie wird wohl nicht in allen Fachgebieten zum selben Ergebnis führen, wie ja auch die Habilitation nicht in allen Fächern dieselbe Rolle hat. In manchen technischen Disziplinen war sie bei der Lehrstuhlbesetzung seit je nicht ausschlaggebend. Die meisten Fakultäten kennen die Klausel der “habilitationsgleichen Leistungen”, mit der sich in Berufungsfragen operieren läßt.
In den geisteswissenschaftlichen Fächern ist während der vergangenen Jahre die Habilitationsstrecke, so mühselig und langwierig sie war, von vielen Nachwuchskräften mit Erfolg bewältigt worden. Die Germanistik ist eines dieser Fächer. Ihre Situation soll im Folgenden stellvertretend für verwandte Disziplinen erörtert werden.
Zunächst zwei Statistiken:
Habilitationen im Fach Germanistik 1990-1997 (Quelle: Personal an Hochschulen, Statistisches Bundesamt, Fachserie 11, Reihe 4.4, 1996):
| 1990 | 1991 | 1992 | 1993 | 1994 | 1995 | 1996 | 1997 |
| 24 | 28 | 29 | 42 | 35 | 31 | 35 | 55 |
Wiederbesetzungen von Professorenstellen (Prognose des statistischen Bundesamtes von 1994):
| 1994 | 1995 | 1996 | 1997 | 1998 | 1999 |
| 24 | 23 | 15 | 21 | 22 | 29 |
Ein erheblicher Teil der Privatdozenten ist bis heute nicht “untergekommen”. Hier baut sich, sollte die Habilitation als Berufungskriterium wegfallen, ein Konfliktfeld auf. Die ewige Konkurrenz der Jüngeren gegen die Älteren wird sich verschärfen, wenn die Jüngeren auch ohne Habil antreten dürfen. So schön der Gedanke ist, dem jungen Nachwuchs rasche und effiziente neue Wege zur Professur zu schaffen, so unschön ist die Vorstellung, daß sich währenddessen der nicht mehr ganz so junge Nachwuchs am Ende des alten Habilitationsweges vor verschlossenen Türen staut.
III.
Die Habilitiertenkartei des Deutschen Germanistenverbands, die jetzt an der Universität Erlangen geführt wird, betreut seit vielen Jahren die Daten arbeitsloser und von Arbeitslosigkeit bedrohter Fachkollegen und -kolleginnen. In der letzten Zeit ist deren Zahl auf über 70 gestiegen; die Zahl der Neueintragungen überstieg kontinuierlich die Zahl derer, die sich aus der Kartei abmelden konnten, weil sie eine Stelle erhalten hatten. Den Löwenanteil der arbeitssuchenden Habilitierten (fast 80%) stellt die Neugermanistik, Linguistik und Mediävistik (Altgermanistik) folgen mit je 10-12 %. Die Habilitierten, die sich zur Zeit in der Kartei befinden, sind im Durchschnitt 44 Jahre alt und seit fünf Jahren habilitiert. Zwei Drittel von ihnen ist arbeitslos, die anderen stehen in befristeten Arbeitsverhältnissen. In diese Statistik nicht einbezogen sind 18 “Altfälle”. Ihr Lebensalter von mehr als 52 Jahren drückt ihnen - gemäß den altersdiskriminierenden Richtlinien der Einstellungsbehörden - den Stempel “nicht berufungsfähig” auf.
Die Habilitiertenkartei soll als ein Selbsthilfe-Instrument des Faches kurzfristig freie Stellensuchende auf vorübergehend freie Stellen vermitteln helfen. Doch die Ressourcen sind knapp geworden. Freigewordene Planstellen bleiben oft, bevor sie wieder besetzt werden dürfen, aus Spargründen semester- oder jahrelang gesperrt. Falls Vertretungen genehmigt werden, müssen die Vertretenden nicht selten zum halben Gehalt arbeiten oder gar nur auf der Basis von Lehrauftragen (d.h. für 600-900 DM pro Monat). Aus den bundesdeutschen Universitäten werden kaum noch Vakanzen gemeldet. Einen Hoffnungsschimmer verspricht allenfalls der künftige ‘Arbeitsmarkt Europa’. Anfragen und Angebote germanistischer Institute des benachbarten Auslandes werden etwas häufiger.
IV.
Die Habilitiertenkartei enthält bei weitem nicht alle tatsächlich Stellensuchenden. Viele Privatdozenten scheuen es, ihre Namen in einer vom Geruch der Arbeitslosigkeit umwehten Datensammlung zu wissen. Sie kämpfen auf eigene Faust, und der Konkurrenzkampf ist hart. An einer mittleren deutschen Universität, keinem sonderlich begehrten Wissenschaftsstandort, wurde soeben ein literaturwissenschaftlicher Lehrstuhl ausgeschrieben, eine normale C 4-Professur für Neuere deutsche Literatur. Es gingen 137 Bewerbungen ein. Alle Bewerber, männliche wie weibliche, waren habilitiert. 90 von ihnen waren Privatdozenten, die bereits arbeitslos sind oder demnächst arbeitslos werden. Solche Zahlenrelationen hat es in der Germanistik der vergangenen Jahrzehnte nicht gegeben, nicht bei den Ratsstellen, nicht bei den “kleineren” Professuren, den C3- und den C2-Stellen, erst recht nicht bei C4-Stellen, deren Inhaber nach alter Auffassung ein gediegen ausgereiftes Qualifikationsprofil haben sollen. Immer schon gab es wesentlich mehr Bewerber als Stellen, das muß auch aus Wettbewerbsgründen so sein. 20:1, das war und ist schon viel. 90:1, das ist zuviel.
Von den 137 werden bei der ersten Durchsicht 60-70 aussortiert werden können. Falscher Schwerpunkt, fehlende fachliche Breite, zu knappe Publikationsliste, zu wenig Lehrerfahrung, das sind gängige Ausschlußkriterien. Bleiben immer noch 70. Von denen mögen sich knapp zwei Dutzend aus gesicherter Position und nicht aus der Vorhalle des Arbeitsamtes beworben haben. Bleiben fast 50 hochqualifizierte Stellenlose. Eine ganze Reihe von ihnen ist “summa cum laude” promoviert worden und weist damit das Höchstprädikat vor, das in manchen Habilitationsordnungen die Dissertation zur “habilitationsgleichen Leistung” erklärt. Nicht wenige haben ein Habilitandenstipendium der DFG erhalten. (142 neugermanistische Habilitanden hat die DFG in den letzten zehn Jahren gefördert, 32 waren es in der Altgermanistik, 40 in der Sprachwissenschaft.) Das DFG-Stipendium gilt im Fach als ein kleiner Ritterschlag. In dem erwähnten Berufungsverfahren drängen nun vielleicht 30, 40, 50 Ritter beiderlei Geschlechts an den Tisch der Edlen, doch nur ein Stuhl ist frei. Der Berufungskommission ist eine göttliche Weisheit und Unfehlbarkeit zu wünschen, damit sie unter den Spitzenkräften die spitzigste herausfinden kann.
V.
Mit dem Habilitieren hat sich die Germanistik in den letzten Jahren unter anderem deshalb nicht zurückgehalten, weil nach früheren Berechnungen gleich hinter der Jahrtausendwende im Fach eine große Pensionierungswelle einsetzen und viel Nachwuchs erfordert sein sollte. Das Jahr 2000 steht dicht bevor und läßt befürchten, daß die Welle sehr viel flacher ausfallen wird als ursprünglich angenommen. Denn der Germanistik bläst, wie anderen klassischen Fächern der Philosophischen Fakultät, der Zeitgeist ins Gesicht. Die Universitäten suchen die Chance, sich als innovations- und zukunftsfähig zu profilieren, gewöhnlich nicht in den Geisteswissenschaften. Dort suchen sie nur die Stellen, die gestrichen oder umgeschichtet werden müssen, damit sich anderswo Innovationsbereitschaft demonstrieren läßt. Das geht besonders zu Lasten der historischen Ausbildung, innerhalb der Germanistik zu Lasten der Altgermanistik. Irgendwann wird sich der herrschende Trend hoffentlich umkehren und die Einsicht durchsetzen, daß gerade die “Humanwissenschaften” zukunftsfähig sind, weil die Qualifikationen, die sie anbieten, die einzigen sind, die nicht von Automaten übernommen werden können. Aber solche mittelfristig ausgerichteten Hoffnungen helfen dem gegenwärtigen Habilitierten-Überschuß nicht weiter.
Sind zu viele habilitiert worden, und dann auch noch die Falschen? Eine Generation von Versagern? Die sich am dicksten Stein des Anstoßes, der Habilitationsschrift, verhoben haben und jetzt darunter begraben liegen? Die Habilitationsschrift. Sie macht die Adepten alt und einsam. Nachdem schon die Dissertation dickleibig und langwierig gewesen ist. Es mag vernünftig sein, in Zukunft nicht mehr die Vorlage kiloschwerer Schriften zu erwarten. Was aber stattdessen? Wie immer die künftigen Auswahlkriterien beschaffen sein mögen, man wird an einem nicht vorbeikommen: In den Philologien wie allen Disziplinen im Horizont der Buchkultur ist und bleibt das wichtigste Arbeitsmedium das geschriebene Wort. Die Einsamkeit des Schreibenden ist eine unausweichliche Situation. Sie prägt das Berufsprofil. Alle, die Berufenen und die Auserwählten, müssen sich ihr ein Leben lang stellen. Man soll im übrigen die strukturbildende Kraft einer Monographie nicht unterschätzen. Dissertationen und Habilschriften sind Gravitationszentren nicht nur des einzelnen Gelehrtenlebens, sondern auch des ganzen Fachs. Die wenigsten Innovationen und richtungssweisenden Leistungen gelingen nebenbei, sie brauchen eine freie Zeitstrecke der Konzentration.
VI.
Dies ist kein Plädoyer für das Festhalten am Status quo. Eine Reform steht an. Sie muß der europaweiten Öffnung des Hochschulwesens gerecht werden. (Der modische Hinweis auf den Globus mag im Hintergrund mitlaufen.) Das Durchschnittsalter der Habilitierten oder der vergleichbar Qualifizierten von 40 auf 35 Jahre senken, das ist ein vernünftiges Ziel. Doch darf das Nachdenken über Dynamisierung sich nicht allein auf die Eingangsphase des Hochschullehrerdaseins fixieren. Jeder Wasserbaumeister weiß, daß er Zufluß nicht ohne Abfluß regulieren kann. Soll die Habilitationsschwelle abgesenkt werden, braucht es flankierende Maßnahmen. Die Möglichkeiten von mehr zeitlich befristeten Professuren, von Teilzeitprofessuren, von bezahlten oder unbezahlten Sabbaticals, von temporärem Stellentausch zwischen inner- und außeruniversitären Institutionen - derlei wird man in die Strukturüberlegungen aufzunehmen haben. Und die Sorge um den künftigen Nachwuchs darf die Sorge um den bereits vorhandenen Nachwuchs nicht verdrängen.
Während hier die Berufungsausschüsse und dort die Innovationskommissionen brüten, kreisen im germanistischen Luftraum 100-200 Privatdozenten und ziehen ihre Warteschleifen. Nicht alle werden gut herunterkommen, Auslese heißt Rauslese, das hat man immer gewußt. Aber ihre Zahl und ihr Qualifikationsniveau ist entschieden zu. Es wären herbe Verluste nicht nur für die einzelnen Menschen, sondern auch für ihr Fach, wenn mann sie alle in die Freiheit der Taxistände entlassen wollte.
In den Jahren vor 1990 hat sich ein Habilitiertenstau, der ähnlich wie heute durch die ungünstige Altersstruktur der Hochschullehrerschaft veranlaßt war, mit Hilfe des sog. Fiebiger-Programms auflösen oder wenigstens entdramatisieren lassen. Verteilt über die Hochschulen der Länder wurden zusätzliche Stellen geschaffen und mit ausgewählten Privatdozenten besetzt. Die Stellen entfielen wieder, sobald ihre Inhaber auf eine andere, “ordentlich” etatisierte Stelle wegberufen war. Das ist inzwischen vielfach geschehen. In der Germanistik ist - wie in den anderen Fächern auch - ein Großteil der Fiebiger-Professuren wieder weggefallen. Eine modifizierte Neuauflage des Fiebiger-Programms wäre zu überlegen. In den ersten sieben Jahren des nächsten Jahrtausends werden 292 (von 843 = 34,6%, s. Statist. Bundesamt!) Professorenstellen frei. Spätestens ab 2005 könnte ein guter Teil der Mehrstellen, die für den jetzt auf die Straße verwiesenen Nachwuchs geschaffen würden, wieder eingespart werden. Überdies könnte die Fiebiger-Idee auf Mittelbaustellen (Akademische Räte und Studienräte im Hochschuldienst) ausgeweitet werden. Schon jetzt sind Habilitierte froh, wenn sie eine Ratsstelle ergattern können, für die sie “eigentlich” überqualifiziert sind. Die modifizierte Neuauflage des Fiebiger-Programms wäre auch deswegen legitim, weil inzwischen klar ist, daß an vielen Universitäten die entsprechenden Stellen sich nicht auf die Bewältigung jener zeitlich befristeten “Überlast” beschränken ließen, sondern zum Ausgleich struktureller Defizite genutzt werden mußten.
Der Autor lehrt Germanistik in Erlangen (abgedruckt z.B. in der FAZ vom 30.12.1998, S. 5)

