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Stellungnahmen

Ist Germanistik noch "in"?

An deutschen Hochschulen: mehr Aufgaben – weniger Stellen

Als Hintergrund dient die statistische Analyse von Friedrich Michael Dimpel, Entwicklung der Personalstellen im Fach Germanistik, in: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, Heft 1/2000. Sie ist hier als PDF-Datei verfügbar.

Werner Holly

Als zu Beginn der finnischen EU-Präsidentschaft der deutsche Bundeskanzler zusammen mit den Österreichern forderte, daß Deutsch - wie schon während der vorangegangenen (deutschen) Präsidentschaft - doch weiterhin offizielle Arbeitssprache sein müsse und damit erfolglos blieb, stand uns wieder einmal mehr als deutlich vor Augen, daß es keine leichte Aufgabe ist, die deutsche Sprache auf internationalem Parkett zu fördern. Daß Deutsch als internationale Kultursprache keinen leichten Stand hat, dafür gibt es viele Belege. Die wiederkehrenden Meldungen von Goethe-Institut-Schließungen in vielen Ländern sind vielleicht noch bedenklichere Anzeichen von Rückzug auf diesem Feld. Aber wie halten wir es im eigenen Land mit der Beschäftigung mit deutscher Sprache und Literatur?

Wenn die Stellen-Ausstattung des universitären Faches Germanistik, das Lehre und Forschung auf dem Gebiet “Deutsche Sprache und Literatur” zu betreiben hat, ein Indiz für die gesellschaftliche Wertschätzung dieser Aufgabe ist, dann sieht es auch hier nicht rosig aus. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts und der Kultusministerien zeigen in den letzten Jahren eindeutig einen negativen Trend. Im Zeitraum von 1992 bis 1998 sind allein im höheren Dienst etwa 120 Stellen, d.h. ca. 6% abgebaut worden. Die Prognosen für die Zukunft sind noch düsterer; setzt sich der Abbau im Umfang des letzten Jahres fort – und die allseitigen Sparpläne weisen darauf hin -, muß man davon sprechen, daß das Fach allmählich regelrecht demontiert wird.

Nun könnte man auf die Idee kommen, daß hier im Zuge notwendiger Einsparungen womöglich ein überaltertes Fach, das ja wie viele akademischen Disziplinen aus dem 19. Jahrhundert stammt, sinnvoll zurechtgestutzt wird. Ein solches Bild mögen sich manche von der Germanistik machen, die dabei an ihre weit zurückliegende eigene Studienzeit denken. In Wirklichkeit hat die Germanistik in den letzten Jahrzehnten nicht geschlafen. Im Gegensatz zur äußeren Entwicklung ist die innere immer noch höchst dynamisch. Seit den 60er Jahren befindet sich das Fach im Prozeß einer stetigen Modernisierung. Eine Reihe von Teilgebieten ist zu den traditionellen Lehr- und Forschungsinhalten hinzugekommen, die wichtige gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen. Nur werden einige Beispiele aus dem Bereich ‚Sprache‘ gegeben. Ähnliches ließe sich über die Literaturwissenschaft berichten:

Eine eigenständige germanistische Sprachwissenschaft hat sich herausgebildet, die Anschluß an die internationale Linguistik gewonnen hat und die Sprachbeschreibung auf einen respektablen wissenschaftlichen Standard gehoben hat, mit moderner Grammatik, Sprachpragmatik, Textlinguistik, Soziolinguistik, Gesprächslinguistik, Forschung zu Schrift und Schriftlichkeit, zu Kommunikation in Institutionen, Fachsprachenforschung, Lexikographie, wissenschaftlich fundierter Sprachkritik und vielem anderen mehr. Daß davon zu wenig an die Öffentlichkeit dringt, mag auch das Versäumnis der Sprachwissenschaftler sein; zum Teil liegt es aber auch an der Unlust gerade gebildeter Sprachteilhaber, dem Gegenstand die Dignität anspruchsvoller Fachlichkeit zuzubilligen, in einer Haltung, die Goethe mit dem Satz kritisiert hat: “Ein jeder, weil er spricht, glaubt auch über Sprache sprechen zu können.” Die insgesamt schlechtgelaunte Diskussion über die ominöse Rechtschreibreform hat dies zur Genüge gezeigt. Die mangelnde Akzeptanz für Erkenntnisse auf diesem Feld hat vielleicht einige nachvollziehbare Gründe, dennoch gilt: Ein Physiker muß sein Expertentum nicht in der gleichen Weise rechtfertigen. Für die eigene Sprache aber glaubt sich jeder Sprecher kompetent.

Zugleich ist der gesellschaftliche Bedarf an der Verbesserung sprachlicher Kompetenzen nicht gesunken. Immer wieder wird darüber geklagt, daß es in Technik, Wirtschaft und Verwaltung an Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten mangelt. An schlechten Texten und scheiternder institutioneller und privater Kommunikation mangelt es nicht; man denke nur an Gebrauchsanleitungen oder an Kommunikation im Krankenhaus. Oft sind Technik und Ausstattung exzellent, Kommunikation und Organisation schwach. Der Bedarf an sprachlichem Wissen spiegelt sich auch in einem großen grauen Markt für teuere Rhetorik- und Kommunikationstrainings, in denen aber zu wenig des wissenschaftlich bereitgestellten Wissens aufgenommen wird; statt dessen werden immer wieder alte normative und oft überholte Rezepturen in flotter Verpackung nur neu präsentiert.

In der Folge eines neuen Verständnisses des Spracherwerbs ist auch der wichtige Bereich “Deutsch als Fremdsprache” als eigenständiges Teilgebiet mit wissenschaftlicher Fundierung entstanden. Der Fremdsprachunterricht, der bisher vielfach von Muttersprachlern ohne spezifische Ausbildung betrieben worden ist, wird auf der Grundlage moderner Theorien und Methoden professionalisiert und effektiviert.

Dies gilt übrigens auch für die Didaktik der Muttersprache und der Literatur, ein Feld, das lange Zeit im Schatten war. Hier ist ein weiterer Zweig der Germanistik entstanden, mit großer Bedeutung, aber insgesamt noch zu wenig Resonanz im Deutschunterricht.

Noch einschneidender als die bisher erwähnten Beispiele ist vielleicht die Neupositionierung weiter Teile der gesamten Germanistik im Rahmen einer umfassenden Medienwissenschaft, die Ernst macht mit der Einsicht, daß die Sprach- und Literaturgeschichte und damit auch unser gesamtes Verständnis von Sprache und Literatur auf dem Hintergrund der Medienentwicklung, die erst mit den elektronischen Medien so recht ins Bewußtsein gerückt ist, neu überdacht werden muß. Die sich beschleunigende Veränderung unserer Medienumwelt braucht nämlich kulturwissenschaftliche Reflexion und Deutung, wenn wir nicht im üblichen aufgeregten Spiel von Dämonisierung und Euphorie eine angemessene Aneignung der Medieninstrumente, die in ihrer Spezifik ja nicht auf Anhieb verstanden werden können, verpassen wollen. Sie ist auch die Grundlage für eine verbesserte Nutzung dieser Instrumente.

Viele Aufgaben also, die von der Germanistik aufgegriffen werden und die auch gesellschaftlichen Bedarf decken können. Die Deutschlehrer brauchen jedenfalls den Anschluß an die neuen Wissensbestände. Und wir brauchen Sprach-, Kultur- und Kommunikationsexperten auf vielen Feldern. Bemerkenswert ist ja auch, daß Studierwillige das Fach keineswegs zum alten Eisen legen. Die Nachfrage ist – zu Recht – ungebrochen. Man kann in der Germanistik, in Lehre und Forschung, vieles schon Bewährte und immer mehr Neues entdecken. Der Rückschnitt der Stellen will dazu nicht passen.

Prof. Dr. Werner Holly lehrt Germanistische Sprachwissenschaft in Chemnitz und ist 2. Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes

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