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Stellungnahmen

Neuer Rechtschreibrat – ein faires Angebot?
Die Wissenschaftler im Germanistenverband sind ausgeschlossen

von Thomas Anz

Der neue „Rat für deutsche Rechtschreibung“, so wirbt die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) Doris Ahnen, „ist ein faires Angebot insbesondere an die Kritikerinnen und Kritiker, sich an der Weiterentwicklung der Rechtschreibung zu beteiligen".

Wie stark das „faire“ Angebot strategischem Kalkül folgt, zeigt sich exemplarisch an der Rolle, die es dem Deutschen Germanistenverband zubilligt. Der besteht aus zwei Teilen: dem „Fachverband Deutsch“ der Lehrer und dem „Hochschulverband“ der Universitätsangehörigen. Nur die Deutschlehrer sollen nach dem Willen der KMK in dem Rat vertreten sein – als hätten die Literatur- und Sprachwissenschaftler im Deutschen Germanistenverband zur deutschen Rechtschreibung nichts zu sagen.

Die Gründe für diese Entscheidung sind leicht zu durchschauen. Deutschlehrern fällt es verständlicherweise schwerer als anderen, die von ihnen selbst seit Jahren vorschriftsmäßig umgesetzten Reformen zu revidieren. Sie fürchten, der ganze orthographische Erziehungsaufwand könnte für sie und ihre Schüler umsonst gewesen sein.

Unter den Hochschulgermanisten vermutet die KMK jedenfalls hartnäckigere Kritiker der Reform als unter den Deutschlehrern. Man will sie daher in dem Rat nicht haben. Kritiker sollen in ihm zwar gehört werden, aber bloß nicht durch zu viele Stimmen die Substanz der Reform und das Prestige der staatlichen Reforminstanzen weiter gefährden. Die Deutschlehrer an den Schulen und die Wissenschaftler, die sie an den Universitäten ausbilden, wird diese durchsichtige Politik nicht entzweien können. Die Kultusministerkonferenz jedoch hat mit solchen Dekreten erneut an Glaubwürdigkeit verloren. Nun bringt sie auch noch jene Germanisten gegen sich auf, die nicht zu den eingeschworenen Feinden der Reform gehörten.

Der Autor ist Vorsitzender der Gesellschaft für Hochschulgermanistik im Deutschen Germanistenverband und lehrt Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Marburg (mit verändertem Titel abgedruckt in der FAZ vom 30.10.2004).

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